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Hat Scholl-Latour vor 20 Jahren gelogen – oder wird er heute anders gelesen? Warum eine ZDF-Analyse von 2006 heute deutlich fremder wirkt als damals. Peter Scholl-Latour (1924–2014) war kein Salonjournalist und kein Moralprediger, sondern ein Reporter, der die Welt gesehen hatte, bevor die meisten heutigen Kommentatoren ihre erste Pressemappe aufschlugen. Geboren in Bochum und aufgewachsen zwischen Elsass und Lothringen, kämpfte er nach dem Krieg als französischer Fallschirmjäger in Indochina, studierte in Paris und Beirut Philologie, Politik und Arabistik, wurde ARD-Afrikakorrespondent in Léopoldville, baute das ARD-Studio Paris auf, leitete zeitweise das WDR-Fernsehen, wechselte als Chefkorrespondent zum ZDF und war kurz sogar Stern-Herausgeber. Über sechzig Jahre bereiste er Vietnam, den Kongo, Afghanistan und den Nahen Osten, wobei sein Bestseller „Tod im Reisfeld“ sich über eine Million Mal verkaufte und ihn zum Maßstab machte, dem man glaubte, weil er dort gewesen war. 2006 lieferte er im ZDF die Dokumentation „Russland im Zangengriff“ und das gleichnamige Buch, in denen er nüchtern festhielt, was damals noch im Abendprogramm sagbar war. Nach dem Verlust der Ukraine sei Russland dazu verurteilt, ein überwiegend asiatisches Imperium zu werden, während Washingtoner Ideologen und viele Europäer sich dem neuen Drang der NATO nach Osten anschlössen. Der Donbass, nur wenige hundert Kilometer von einer Stadt entfernt, die einst Stalino hieß, bilde das industrielle Gegengewicht zu Kiew, und die Masse der Bevölkerung bekenne sich zur russischen Nationalität. In dieser Landschaft aus Stahlwerken und Denkmälern sei die Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg nicht verblasst, und dort zeige sich das Ausmaß der atlantischen Bestrebung, Russlands Grenzen in Richtung Wolga und asiatische Steppe zu verschieben. Die Orangene Revolution von 2004, so Scholl-Latour, sei durch massive Unterstützung Amerikas und der Europäischen Union finanziert worden, während als NGOs getarnte CIA-Agenten in Kiew eine systematische Subversion des bestehenden Regimes betrieben hätten. Er fragte, ob Dick Cheney und John McCain sich bewusst seien, wie konsequent sie sich mit ihren Expansionsplänen den neuen Zaren Putin zum Feind machten, und ob schwadrionierende Europa-Abgeordnete nicht merkten, dass sie in Russland ein nationalistisches Aufbäumen schürten. Nichts davon war Spekulation aus dem Studio, sondern die Beobachtung eines Mannes, der Grenzen kannte und Interessen beim Namen nannte. Zwanzig Jahre später wirkt dieselbe Analyse in den öffentlichen Medien deutlich fremder, weil nicht die Fakten verschwunden sind, sondern der Rahmen, in dem man sie noch aussprechen darf. Die NATO-Osterweiterung gilt plötzlich als reine Verteidigung, der Donbass als Territorium ohne demografische und historische Tiefe, und der Hinweis auf externe Finanzierung der Farbrevolutionen als unzulässige Relativierung. Was 2006 noch eine ZDF-Dokumentation eines anerkannten Reporters war, wird heute so gelesen, als hätte er bereits die Sprachregelung von 2026 erfüllen müssen. Die Methode ist elegant, weil man nicht widerlegt, sondern umdeutet: Interessen werden zu Werten, Machtpolitik zur regelbasierten Ordnung, und wer die Kontinuität benennt, gilt als Störer des neuen Konsenses. Scholl-Latour hätte den Kopf geschüttelt, denn er kannte die Technik, die Fakten stehen zu lassen und nur zu ändern, wer sie noch vortragen darf. Diesen Mann kann man nicht kritisieren, indem man ihn aus dem Diskurs schiebt, weil er das Unbequeme tat und Interessen sah, wo andere Moral predigten. Nichts von dem, was er 2006 sagte, war falsch, es ist nur unbequem geworden, und Unbequemes wird in den öffentlichen Medien nicht widerlegt, sondern so lange anders gelesen, bis es fremd wirkt. Gruß M.M.

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